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Ein Endgang

Wie können nicht Bilder die Unfassbarkeit aller Worte enthobenen Geschehnisse aufzeigen.
Sie nisten sich in tiefe Regionen unsres Hirns und warten dort als stille Begleiter bis die Seele den Leib verlassen will.
Da steigen sie noch einmal an das Licht der rettenden Gedanken und fliehen dann die kraftlos liegende Hülle, die hauchend noch nach ihnen begehrte.
Nun, nun sind sie doppelt grässlich eingebrannt; und trotzdem Trost, weil durch ihre Macht auch letzte Bande ewig haften können.
Zu schwach zu weinen, erschöpft, im Gang zwar wach, doch hilflos durch die Morgen, Mittage und gar zu sehr die Abende schwankend.
Jede Geste ein Bild, eine Rückbesinnung.
Matt ergreifend Dinge, erscheint die Hand am fein geschnitzten, doch lebensschwer bestrebtem Arm, der Blatt für Blatt wie Granitblöcke wendet.
Ein Seufzer, mehr gebraucht als je, stellt unverrückbar den Anschein letzter Atemzüge vor die Brust.
Und doppelt stöhnt der Leib, noch mehr durch wiederum Erinnerung.
Erinnerung an Wellen wilder Kämpfe.
Die Arme breiten sich wie Schwingen ohne Federn, vom Lebenstod gerupft, Zeichen gebannten Denkens.
Keine Möglichkeit mehr neue Flüge zu beginnen, neue Ziele zu stecken.
Es kann nur bleiben: Neugier.
Der Anker, der den Geist erfrischt, der Körper kann nicht mehr.
Wenn alles erlischt, ist der letzte Funken Neugier.
Neugier auf ein Dann.
Auf den Moment, den Nu, an dem Zeit unendlich zu werden beginnt.
Auf den Ort hinter dessen Pforte Äonen warten.
Neugier auf Welten.
Und zu guter Letzt das bisschen Hoffnung.
Hoffnung, dass die Neugier ihre Erkenntnis erhält.
Hoffnung, ein Hauch.
Ein letzter Hauch.
Dann bleibt verderbend Natur als Fleisch, als Wurzel neuen Lebens, Atmens, Zeugens; wie lange wird es dauern, bis alles erneut gelebt hat?
Jedes Stäubchen, dazu geworden, sich verwandelt hat in Pflanze, Tier und wieder Mensch?
Welch Gedanke, zurückgetreten von der Sicht auf die Welt und Welten, zu schätzen, wann wir vereint in einem Körper neu beginnen.
All eins, der Bruder, die Mutter, das Kind und alle die geliebten Wesen, die wir nie innerlich genug empfinden konnten, wollten.
Wann wird ein Teilchen, das ich gestern liebte, in sich erneut, als Zunge mir, dann uns, neue Liebesworte flüstern.
Wie viele Universen müssen aufstehn und vergehn, bis das geschieht?
Das Eins wird Alles und Alles wird zur Zeit und Zeit ist die Unendlichkeit:
Näher zu Dir.
Kein einzig Wort kann in die Form gebildet werden, die ein Seelenschmerz benötigt. Kein Schreiben wird genügen, diesen Nu zu fassen.
Und jeder Herzschlag bringt uns dem letzten nahe, ein Gut an Zahl, das nie und nimmer Aufschub uns gewährt.
Einzig, dass ich, wie Verzweiflung, ängstlich meinen Schlag verdopple, wie es nur möglich ist und stetig neu mich überkommt.
Als könnt‘ ich so, die Zahl verdoppelnd, die Zeiten jedoch dehnend, das Leben längen.
Kein Wort vermag die Ewigkeit uns zu beschreiben, so also auch kein Wort den Tod; kein Wort den Abschied kurz davor; kein Wort die liebeüberfüllten Stunden noch davor.
Es geht zu Ende, es ist aus.
Das Herz, es kann nicht mehr, und scheidend bricht es alles auf, was Denken und Gefühl zusammen hielt.
Es flieht der Mensch, es bleibt die Hülle und spiegelt uns die Leere wider, die wir fühlen, die uns wie Donnerschlag verwandelt, die uns eine Ruhe wird vor Stürmen, die wir jetzt erwarten, die Jahre unsren Leib berütteln, bis einst wir so gehärtet widerstehen oder selber knicken, und diesen sturmzerzausten Leib verlassend uns alle wiedersehen, wo sie schon lächelnd warten und in einem Satz die Richtigkeit der Fragen uns bestimmen.

  2018  /  Vita  /  Last Updated September 29, 2018 by Stephan Joachim  /  Tags: , , , ,